„Wandel durch Annäherung“ – Eine Würdigung und Einordnung von Wolfgang Weber

Am 10. Dezember 1971 wurde Willy Brandt in Oslo der Friedensnobelpreis verliehen. Der Sozialdemokrat Willy Brandt war der vierte Deutsche, der diese Auszeichnung erhielt und reiht sich somit ein in eine Liste mit bedeutenden Persönlichkeiten der jüngeren deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert, namentlich Gustav Stresemann, Carl von Ossietzky und Ludwig Quidde. Der 50. Jahrestag der Verleihung gibt Anlass, zurückzuschauen und zugleich den Preisträger, der übrigens am 18. Dezember seinen 108. Geburtstag feiern würde, zu ehren.

 

Deutschland 1970. Die Welt im Griff des Kalten Krieges, Europa geteilt in zwei Wirklichkeiten durch den Eisernen Vorhang. Der Zweite Weltkrieg liegt gerade mal 25 Jahre zurück; für die meisten Deutschen ist er nicht nur eine schwarz-weiße Erinnerung in ZDF History, sondern immer noch den Alltag prägende Grenzerfahrung. Auch das nationalsozialistische Deutschland war erst vor 25 Jahren in Schutt und Asche versunken, während die meisten Funktionsträger dieses Staates, der Verwaltung, des Militärs und der Partei (NSDAP) noch lebten und (von der Justiz weitgehend unbehelligt) wirkten. Ein Land voller Widersprüche zweier Generationen, die eine noch gefangen bzw. verfangen im Gestern, die jüngere schon bereit, die Zukunft zu wagen:

 

Am 28.09.1969 gewinnt die SPD mit einem Stimmenanteil von 46,1 % (Zweitstimmen) die Bundestagswahl. In einer sozial-liberalen Koalition wird Willy Brandt, von 1966 bis 1969 Außenminister im Kabinett Kiesinger und davor Regierender Bürgermeister in Berlin, zum Bersten sozialdemokratischen Bundeskanzler gewählt.

 

Und er hatte sich was vorgenommen. Aufzuräumen war mit der bisherigen deutschen Außen- und Friedenspolitik, geleitet von der sog. Hallstein-Doktrin, wonach die Deutsche Demokratische Republik (DDR) als illegitim angesehen und jedem Drittstaat, der diplomatische Beziehungen zu ihr unterhielt, Sanktionen angedroht wurden. Ersonnen 1955 war diese Linie in der Gegenwart von 1970 schlicht realitätsfern und nicht zukunftsweisend, sie nahm der deutschen Außenpolitik nahezu allen Gestaltungsspielraum. Die SPD und Willy Brandt haben das verstanden. Viele andere in der noch jungen Bundesrepublik jedoch (noch) nicht.

 

Eine neue „Ostpolitik“. Der „Osten“, gemeint sind hier die Staaten des Warschauer Pakts, Länder, welche in der Mehrzahl eine brutale Besatzungsmacht gegen eine andere eingetauscht haben, insbesondere der Leidensweg der Polen änderte sich nach 1945 kaum zum Guten, geändert hat sich allein die politische Färbung der Unterdrücker und auch der Mörder.

 

Die Strategie und den Begriff „Wandel durch Annährung“, diesen Begriff hatte der „Architekt der Ostverträgen und engster Mitarbeiter und Freud Willy Brandts, Egon Bahr , geprägt. Er bedeutete im Kern die Entspannungspolitik. Ohne das Fernziel der deutschen Einigung auszuschließen, standen internationale Friedenssicherung und die Verbesserung der Lebensbedingungen für die Menschen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs im Mittelpunkt, z.B. durch Lockerung der Reisegesetze. Voraussetzung dafür war eine Verbesserung der Beziehungen zu den betroffenen Staaten und dies wiederrum setzte Versöhnung und die Anerkennung der faktischen Staatsgrenzen voraus.

 

Das war neu und unerhört. Die (faktische) Oder-Neiße-Grenze beispielsweise zwischen Deutschland und Polen war innenpolitisch ein Tabu. Die Gebiete jenseits davon, also v.a. Pommern und Schlesien, offiziell „aufzugeben“ war für viele in Deutschland, die immer noch an die Option einer Revision glauben wollten, ein unerträglicher Gedanke. Aber diese Idee saß mit der Opposition damals im Bundestag, beharrlich getragen und weit über 1970 hinaus vehement verteidigt von einer Partei, für die es zudem wichtig war zu betonen, dass Willy Brandt, geboren als Herbert Ernst Karl Frahm, Kind einer Mutter war, die mit dem Kindsvater nicht verheiratet war. Altes Denken in sich wandelnden Zeiten. Heute sind die Verdienste Willy Brandts bei allen demokratischen Parteien des Bundestages unumstritten.

 

Im Zuge der neuen Politik wurden die Ostverträge geschlossen, so auch mit der damaligen Volksrepublik Polen. Im Dezember 1970 reiste Willy Brandt zu diesem Zwecke nach Warschau und besuchte dabei auch das Ehrenmal für die Toten des sog. Warschauer Ghettos bzw. des Aufstandes der dort eingepferchten Juden von 1943.

 

Warschau ist ein symbolträchtiger Ort und steht neben den Stätten der Konzentrationslager für die Vernichtungsideologe eines barbarischen Regimes. Die Stadt selbst wurde 1939 in einem Bombenhagel völlig zerstört und war sodann Schauplatz zweier mutiger Aufstände gegen die deutsche Besatzung; beide wurden brutal niedergeschlagen, wobei diese Worte das wahre Ausmaß der Schande gar nicht einfangen können. Dies wissend, sank Willy-Brandt bei der Kranzniederlegung am Ehrenmal der Helden des Warschauer Ghettos  auf die Knie, eine spontane Geste – zu verstehen als Bitte um Vergebung für die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs. “Dann kniet er, der das nicht nötig hat, da für alle, die es nötig haben, aber nicht da knien – weil sie es nicht wagen oder nicht können oder nicht wagen können. Dann bekennt er sich zu einer Schuld, an der er selber nicht zu tragen hat, und bittet um eine Vergebung, derer er selber nicht bedarf. Dann kniet er da für Deutschland”, beschrieb der SPIEGEL- Reporter Hermann Schreiber die Szene. Brandt selbst sagte dazu: “Ich hatte nichts geplant, aber Schloss Wilanow, wo ich untergebracht war, in dem Gefühl verlassen, die Besonderheit des Gedenkens am Ghetto-Monument zum Ausdruck bringen zu müssen. Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.”

Willy Brandt hat den Friedensnobelpreis nicht für den Kniefall von Warschau bekommen, auch wenn dies gelegentlich verkürzend so dargestellt wird. Der Preis wurde verliehen, weil die von seiner Regierung getragene neue Politik der Verständigung und Versöhnung mit den ehemaligen Feindstaaten jenseits des Eisernen Vorhang im Osten den Grundstein dafür legte, den Frieden in Europa langfristig zu sichern.

 

Was daraus werden würde, konnte das Nobelpreis-Komitée damals nicht wissen. Aber vielleicht hatten sie eine Ahnung. Die Geschichte gibt ihm jedenfalls Recht. Der von Willy Brandt begonnene Weg wurde 1989/1990 mit der Deutschen Einheit vollendet. Ohne Willy Brandts Ostpolitik undenkbar. Untrennbar mit dem Mauerfall sind auch Brandts Worte: „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört.“

 

Willy Brandt starb am 08.10.1992 an seinem Wohnort in seinem Wohnort Unkel, 20 Kilometer südlich von Bonn. Sein Werk, verewigt durch den Friedensnobelpreis, bleibt.